















Umjubelte deutsche Erstaufführung: »Ein wunderbares Beispiel modernen Musiktheaters.« (taz)
Szenen und Dithyramben – Eine Opernphantasie von Wolfgang Rihm - Text von Wolfgang Rihm nach Friedrich Nitzsche
INFEKTION! Festival für Neues Musiktheater
Unter den schimmernden Oberflächen der Wort-, Sprach- und Form-Spiele, aus denen Nietzsche seine »Dionysos-Dithyramben« locker und zugleich verdichtet bildete, schweben szenische Keime. Unablässig in Bewegung bilden sie Entzündungsfelder für die verschiedensten – auch konträren – Bühnenhandlungen. Die Ansteckung des Lesers wirft fiebrige Assoziationsfelder auf. So ist das Libretto zu verstehen, so ist es entstanden. Nicht vor, sondern während der Arbeit, die das fortgesetzte Memorieren jahrzehntelanger Leseerfahrung mit diesem eigenartigen Text-Gewächs darstellte.
Seit nun fast 40 Jahren begleiten mich diese scheinbaren Dichtungen, die wie grundlose Pflanzen aus dem Dunkel eines anamnetischen Sees heraufstehen. Mein Komponieren begann jeden Morgen erneut aus der Gespanntheit heraus: es endlich erfahren zu dürfen, wie die Szenen sich wohl weiterentfalten. So wurde ich zum staunend stenographierenden ersten Zuschauer, Hörer und Rezensenten eines Musiktheaters, das einer von vielen Möglichkeiten Figur und Haut verlieh, jene einander durchkreuzenden Assoziationsfelder der »Dithyramben« in schwankende Gestalten zu fassen.
Die szenischen Einfälle setzte ich durchweg in eckige Klammern: auch, um anzudeuten, dass hier kein selbsternannter »Urtext« nach sklavischer Befolgung schreit, sondern dass Bild-Erfindung und Szenen-Phantasie nicht ausgeladen sind: vielmehr erwünscht, erhofft, ersehnt. Und N. muss keine Nietzsche-Bart-Brille-Maske tragen: »Ein Gast« – um Himmels willen – schreitet nicht als Heinrich-Köselitz-Umriss einher. Ja, doch, die historischen Schatten spielen hinein in dieses unablässige Spiel der Doppel-Belichtungen. Aber die mythische Grundschicht erträgt deren Schattenwurf ohne Verletzung.
Die Stadien von Komik, die sich bei jedweder Beschriftung mythischer Schichten durch historisches Personal (zu dem wir selbst ja auch alle gehören) naturgemäß offenbaren, empfand ich als wohltuende Ergänzung des Tiefernsts und der dunkel-tragischen Grundierung, der die Phantasie anheimfällt, hat sie erst einmal begonnen, in der Ausdruckswelt der »Dionysos-Dithyramben« zu schweifen.
Wolfgang Rihm
1. Szene
Ein See
Wortlos verfolgt N. zwei Nymphen, die sich über ihn lustig machen. Doch es gelingt ihm nicht, sie zu erhaschen. Eine verwandelt sich in Ariadne, während die andere im Nebel verschwindet. Ariadne steigt zu N. in ein Boot, will sich ihm hingeben, lässt sich sogar von ihm fesseln, wenn er doch nur etwas sagen würde … Mit größter Mühe bringt N. endlich ein paar Worte hervor: »Ich bin dein Labyrinth.« Drei auftauchende Delphine necken den verzweifelten Mann. Am anderen Ufer winkt Ein Gast. Ihm fällt alles leichter. Mit den gleichen Worten wie N. weiß er Ariadne zu betören. N. bricht zusammen.
2. Szene
Im Gebirge
Ganz gleich, an welch extremen Orten man sich befindet, für N. bleibt nur die Einsamkeit.
Gemeinsam mit Ein Gast versucht N. den Gipfel eines Berges zu besteigen. Immer wieder müssen sie sich vor dem drohenden Absturz retten. Raubvögel bedrohen sie. Waren sie zunächst Konkurrenten, sind sie nun abhängig voneinander. Fast haben sie den Gipfel erreicht, doch unter ihnen gähnt der Abgrund. Immer wieder bringt auftauchendes Unwetter sie fast zum Absturz. Je höher sie steigen, um so leichter fühlt sich N.
Die gleichzeitige Nähe von Himmel und Tod bringt ihn in den Zustand der Seligkeit.
3. Szene
Innenraum 1
Unbeholfen bewegen sich N. und Ein Gast unter vielen Menschen, beide auf der Suche nach Liebe.
Innenraum 2
In einem Bordell versuchen vier Hetären, die alle Esmeralda heißen, die beiden Männer zu verführen. Kann N. hier endlich die Wahrheit finden? Nein, er ist nur ein Dichter. Hilflos muss er erleben, dass Ein Gast wieder sein Konkurrent ist. Während die Frauen deutlich machen, was sie von den Männern wollen, verliert sich N. immer mehr in seiner eigenen »Wahrheit«. Von Ein Gast am Klavier begleitet, singt er das Lied vom Wanderer, der niemals zur Ruhe kommt, bis das Lied eines Vogels ihn zum Stillstand bringt. Nur müde können die Umstehenden das Dargebotene beklatschen. Die vier Hetären (oder sind es die Nymphen?) sehen in N. ein willkommenes Opfer ihrer Verführungskünste. Nur mit der Erinnerung an andere Zeiten kann sich N. vor ihnen retten. Wie zuvor Ariadne wird nun er gefesselt, während Ein Gast von den Esmeraldas zerfetzt wird.
Innenraum 3
Der Künstler N. verschließt sich immer mehr in seiner eigenen Welt. Mänaden scharen sich schreiend um ihn. Drei mythische Frauen erscheinen, Urmütter, die ihm versprechen, dass die Verheißung nicht mehr fern ist.
N. sehnt sich zurück nach dem, der ihn immer begleitet hat. Aber es erscheint Apollon, um ihm – wie einst seinem Konkurrenten Marsyas – die Haut abzuziehen. Geschunden weiß N., dass er das Opfer eines Eifersüchtigen geworden ist. Er verlangt immer noch nach Liebe.
Während sich die gelöste Haut langsam zu bewegen beginnt, wenden sich alle entsetzt von N. ab.
4. Szene
Ein Platz
N.’s Haut wird Zeuge, wie ein Pferd von einem Mann ohne Gesicht (Ist es Ein Gast? Ist es Apollon?) geschlagen wird.
Mit einem innigen Kuss will Die Haut das Pferd umfangen und sinkt in die Arme Ariadnes, die sich genähert hat.
N. hat seine Wahrheit gefunden.
Alle, die an dieser Phantasie beteiligt waren, verneigen sich.
»Mit Rihm und Meese haben zwei kongeniale Kinder zu einer hinreißend fröhlichen und unterhaltsamen Aufführung zusammengefunden, der gar nichts heilig ist … Meeses Bilder übersetzen Rihms musikalische Sprache überaus präzise in ein Medium, in dem sie sich voll ausleben darf. Beide sind auf ernsthafte Weise ironisch, weil sie Distanz schaffen, ohne sich über ihren Gegenstand lustig zu machen. Ein wunderbares Beispiel modernen Musiktheaters.« (taz, 10.7.2012)
»Es ist ein Traumspiel der faszinierendsten Art, auskomponiert mit aller Wucht und Verve. Ingo Metzmacher leitet das Orchester mit dem Höchstmaß an Verständnis und Leidenschaft an. Er liefert den Träumen (und Albträumen) Rihms die unermüdlich fesselnde musikalische Grundlage.« (Berliner Morgenpost, 10.7.2012)
»Diese starke Wölbung der Stirn, über der das Haar gleich einer gebrochenen Welle zurücksinkt, die dunklen Höhlen, in denen ein glimmendes Augenpaar mehr zu ahnen denn zu sehen ist, der gewaltige Schnauz, der eher ein Tier als Träger vermuten lässt als einen Menschen. Das Bild Nietzsches ist eine Ikone – und es muss nur ganz kurz aufleuchten auf dem Gazevorhang, um seine Wirkung zu entfachen … Und Ingo Metzmacher dirigiert - mit glühender Begeisterung.« (Der Tagesspiegel, 10.7.2012)
»Ingo Metzmacher dirigiert das großartig: Er lässt in allen Anspielungen den inneren Zusammenhalt der Rihmschen Musik spürbar werden und findet unter der Oberfläche einen weiträumigen Schwung, der die Partitur zusammenhält.« (Berliner Zeitung, 10.7.2012)
»Rihm lässt die Peitsche knallen, Trommeln wirbeln wie ein Erdbeben. Gut zwei Stunden sorgt er für ein faszinierendes Klangbild mit wunderschönen Gesangslinien, großen dynamischen Spannungen und wachsender Entfremdung. Nietzsche-Phantasien als selbstzerstörerischer Höhenflug. Ingo Metzmacher und die Staatskapelle setzen das farbig um. Ein wichtiges Werk..« (Braunschweiger Zeitung, 10.7.2012)
»Die Sopranistin Mojca Erdmann überzeugte mit Leichtigkeit und Schönheit bis in die allerhöchsten Töne noch funkelnd leuchteten und der leicht erkältete Bariton Georg Nigl konnte das Zurücknehmen seiner Stimme bestens überspielen… Die Staatskapelle Berlin zeigte sich in Bestform. Öffnete intime Einsichten als dienender Begleiter und schuf klangvolle dichte Räume für den Ausbruch großer Gefühle.« (NDR Kultur, 9.7.2012)